5. Sep
2012

Nomadenleben

Nun gings also endlich los, ab in die Steppe. Nachdem unser Fahrer im Nirgendwo sich Orientierungstipps von anderen Jurten geholt hatte (rechts, dann geradeaus und hinten nach dem nächsten Hügel links vom Flussverlauf – oder so), fanden wir dann auch unsere Gastnomadenfamilie für die nächsten Tage. Nachdem grundlegende Fragen geklärt wurden (WC? Überall wo du willst.), ging es ans Kennenlernen.

Baldandorj: eine mächtige Gestalt, Herr der Jurte mit Flachmann und stolzer Besitzer von 1000 Tieren und einem Motorrad, Fröhlichkeit in Person.

Chimgee: die „Krampferin“ schlechthin, Versorgerin der Jurte, vor allem an der Geissenmilchmenge der Schweizer Ziegen interessiert.

Amina: Nesthäkchen der Jurte, Lady mit Outfit für jeden Tag, Schafsknochenspielmeisterin.

Azaa: das schutzlige Energiebündel, Cousin aus der Stadt zu Besuch in der Jurte, von uns liebevoll „Atze“ genannt, fast täglich beschwipst vom Airag.

So ganz unnütz wollten wir die Zeit ja nicht in der Jurte verbringen, deswegen wurde unsere tägliche Aufgabe die Wasserbesorgung. Flussverlauf hochgehen, Wasserabschöpfstelle finden, in Karnister abfüllen, zurücktragen. Dazwischen konnten wir uns im Melken der Kühe versuchen (die haben einen Minieuter, aber hey, ein paar Tropfen lagen drin), im Hügel erkunden (welchen sollen wir heute nehmen – diesen, diesen oder den da?), mit Baldandorj auf dem Motorrad die Herde „umdrehen“ (Ziegen und Schafe checken nicht, wann sie auf Nachbars Wiese fressen), beim Kochen helfen (mongolische Teigtaschen nach Schweizer Art), Airag stampfen (um Himmels Willen, es „süürelet“ und riecht wieder nach… kindlicher Magenentleerung), die Kinder unterhalten (Schafsknochenspiel? Schafsknochenspiel!), beim Melken der Pferdestuten zuschauen (und im Anschluss die Blümchenmilch in null komma nix runterstürzen – gut für die Verdauung), die verirrte Herde zu Fuss in die richtige Richtung treiben (hüü, hopp).

Zu oberst auf der Highlightliste der Jungs dürfte der Airag gestanden haben. Nachdem die korrekte Aussprache geübt wurde (sprich: „Airag“),  liessen es sich die Herren natürlich nicht nehmen, täglich mehrmals von der frisch vergorenen Stutenmilch zu kosten und mit Baldandorj anzustossen. Uns Frauen wäre der Airag ja nicht verwehrt worden, aber er ist und bleibt Geschmackssache. Uns war der Airag lieber auf dem Jurtendach; dort landete er nämlich mehrmals während unseres Aufenthaltes. Dank einer Solarzelle hatte die Familie nämlich TV-Empfang und so wurden wir Zuschauer des olympischen Judowettkampfes. Kurz vor jedem Kampf des mongolischen Judoka rannte Baldandorj mit einem Gläschen Airag nach draussen und machte mit den Glücksgöttern schon mal alles klar. Ob der Airag Schuld an der olympischen Silbermedaille für die Mongolei war?

Von Francesca | 1 Kommentar | Kategorie(n): Mongolei, Nordostasien

Kommentare

Mami sagt:

Ich bin stolz auf euch !!! Wie weit hätte ich täglich laufen müssen, um fliessendes Wasser zu finden für meine Dusche und um den Putzlappen auszuwaschen ?? Wahrscheinlich wäre ich nach Hause gelaufen !!
P.S. Und Whisky habe ich bestimmt auch lieber als Airag.

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